Alteria
Fürchte das Dunkel. Fürchte das Licht. Cid's Kompendium, immer wieder aktualisiert

- Teil VII: Mythen und Sagen -

Kapitel 1: Die Sage von Líra und Lothénien

Die Namen der beiden Monde Alterias werden auf die Sage der beiden unglücklichen Liebenden Líra und Lothénien zurückgeführt, die, so sagt man, vor vielen tausend Jahren lebten.

Lothénien war der Sohn eines mächtigen Stammesführers und Magiers, während Líra die Tochter eines herumziehenden Musikers und Gauklers war. Von ihrem Vater hatte sie den Gesang und ein bezauberndes Lautenspiel gelernt, von der Mutter, wie man allerlei gute und böse Tinkturen aus Kräutern braute. Vom Leben auf den Straßen hatte sie ein unbeschwertes Herz und ein offenes Auge gelernt. Lothénien dagegen war von seinem Vater in seiner Kunst unterwiesen worden, doch das behütete Leben des Thronfolgers behagte ihm gar nicht. Wann immer er konnte, schlich er sich aus der Aufsicht seiner Eltern und Lehrer davon und mischte sich unters Volk.

So auch an dem Tag, an dem Líras Familie in der Stadt seines Vaters auftauchte, und an diesem Tag erblickte er zum ersten Mal ihr Gesicht. Sie war von der Menge halb verdeckt, doch der kurze Blick, den er auf sie erhaschte, genügte, damit er sein Herz für immer verschenkte. Mit Hilfe eines Freundes traf er sie noch am selben Abend, und auch sie war von dem schönen und klugen Jüngling angetan. Sie wiederholten diese Treffen, solange Líras Familie in der Stadt war, ohne dass sie wusste, wer ihr Geliebter war. Als sie ihm schließlich, nach zwei herrlichen Wochen, eröffnete, dass sie am nächsten Morgen weiterzögen, fiel Lothénien aus allen Wolken. Unter Tränen beschwor er sie, ihn zu ehelichen und bei ihm zu bleiben.

In der Hoffnung, sie damit zu beeindrucken, enthüllte er ihr schließlich seine Herkunft, doch das ließ die kluge Líra nur noch dringender darauf beharren, dass sie wegmusste, denn sie konnte sich denken, wie ein mächtiger Herrscher mit der Verführerin seines Thronerben umgehen würde. Auch Lothénien wusste und musste zugeben, dass sein Vater mit dieser Heirat nie einverstanden wäre. Da flehte er sie an, ihn mitzunehmen; er wäre bereit, all sein Erbe, ja sogar seinen Namen aufzugeben und arm und verkleidet mit ihnen zu ziehen, wenn er nur sie dafür bekäme. Sie versprach, mit ihren Eltern zu reden, und verabredete sich für den nächsten Sonnenaufgang am Stadttor mit ihm.

Was sie jedoch nicht wussten, war, dass ein Bediensteter von Lothéniens Vater, der wegen des ständigen Verschwindens seines Sohnes Verdacht geschöpft hatte, sie belauschte und alles dem Fürsten mitteilte. Líras Eltern waren besorgt, als ihre Tochter ihnen erzählte, in wen sie sich da verliebt hatte. Sie wussten, dass eine solche Liaison niemals in Frage käme und fürchteten die Reaktion des Herrschers. Sie versuchten Líra zu überreden, sich am nächsten Morgen von Lothénien zu verabschieden, und versprachen, im nächsten Frühjahr wiederzukommen; wenn ihre Liebe bis dahin noch immer so stark wäre, würden sie alles in ihrer Macht stehende tun, um ihnen zu helfen. Doch damit wollte Líra sich nicht zufrieden geben. Sie bettelte so lange, bis ihre Eltern einwilligten, den verkleideten Lothénien mitzunehmen.

Am nächsten Morgen jedoch stand an der verabredeten Stelle kein Lothénien, sondern ein Trupp Soldaten des zornigen Fürsten, die ohne lange Vorrede die weinende Líra aus dem Wagen zogen, in Ketten legten und vor ihren Herrscher schleppten. Dieser schloss sich mit dem verängstigten Mädchen in ein Kellergemach ein, in dem er seine dunklen Künste betrieb. Er beschimpfte und verfluchte sie, dass sie es gewagt hatte, seinen geliebten Sohn zu behexen. Sie versuchte zu widersprechen und schwor, dass es vielmehr Lothénien gewesen war, der zuerst zu ihr gekommen war und sie mit seinen schönen Reden bezaubert hatte, doch der tobende Magier glaubte ihr kein Wort und bedrohte sie mit einem qualvollen Tod, wenn sie ihren Zauber nicht zurücknähme.

Da stürzte Lothénien herein, der seinen Bewachern entkommen war, sich heimlich in den Keller geschlichen und alles belauscht hatte. Er warf sich dem Vater zu Füßen und flehte um Gnade für seine Geliebte, und als er ihn unbarmherzig fand, schwor er bei der Seele seiner verstorbenen Mutter, wenn der Vater Líra auch nur ein Haar krümmte, so wollte er, Lothénien, den Freitod wählen, denn ein Tod mit seiner geliebten Líra sei besser als jedes Leben ohne sie.

Da erschrak der Vater, denn er wollte seinen Sohn nicht verlieren; noch weniger aber wollte er, dass dieser eine mittel- und einflusslose Landstreicherin heiratete. Also besänftigte er Lothénien mit milden Worten und versprach, Líra am Leben zu lassen. Insgeheim beschloss er aber, die beiden unter allen Umständen zu trennen, so dass sie nie wieder zusammenkämen. Dafür aber musste er das Mädchen so weit weg schaffen wie nur möglich. Jeder Ort auf der Erde erschien ihm zu nahe, zu erreichbar für seinen ruhelosen Sohn, und so musste er sie von diesem Planeten schaffen.

Noch am selben Morgen bereitete er alles vor, was er zu diesem Zauber brauchen würde. Mit Worten voll falscher Süße ließ er Líra frei und setzte sie auf den Stuhl neben seinem Sohn, und er schwor, ihr kein Haar zu krümmen und sie nicht zu töten. Im Gegenteil, so sagte er, er wolle einen Zauber über die junge Braut sprechen, der ihr ein langes Leben beschere, sie solle nur ganz ruhig dort sitzen bleiben. Mit diesen Worten hob er den Tiegel mit dem fatalen Zaubertrank. Schon wollte er sie übergießen, da erkannte sein Sohn seine wahre Absicht und warf sich über die Geliebte, überzeugt, der Vater wolle sie doch noch töten. Kaum dass ein Spritzer des Trankes ihn jedoch berührt hatte, da packte ihn eine ungeheure Macht und schleuderte ihn hinauf in den Himmel. Der Vater, außer sich vor Zorn, schüttete den Rest des Gebräus über die schreckensstarre Líra und verfluchte sie, die ihm seinen Sohn gestohlen hatte. Auf ewig solle sie ihm folgen, wie zwei Monde sollten sie ihre Bahn um die Erde ziehen, und weder sollten sie jemals wieder einen Fuß auf den Boden setzen, noch sollten sie sich begegnen, denn ihre Bahnen sollten sich niemals treffen.

Doch Líras Mutter, die ihre Tochter sehr liebte, hatte auch eine gewisse Zauberkraft. Sie konnte den Fluch nicht aufhalten, denn das kann keine Macht des Universums, doch ihre Mutterliebe, die eine der größten Mächte ist, war stark genug, um Líras Kurs so zu beschleunigen, dass sie den Geliebten einholen konnte.

Doch da die Bahnen der beiden von dem eifersüchtigen Vater so verschoben worden waren, kann man sie zwar bisweilen zusammen am Firmament sehen, aber nur weit voneinander entfernt. Nur alle 22 Jahre treffen sie sich für eine Nacht, die sie dann in inniger Umarmung verbringen. Dies sind ganz besondere Nächte, und wer genau lauscht, der kann, so sagt man, in einer solchen Nacht Líras Liebeslied vernehmen.


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